II: Transformation
Kapitel 7: Doktor Jekyll — Korporative Zweiheit
Korporative Zweiheit von Stevenson bis Argyris. Dr. Jekyll ist das Manifest — Firmenwerte an der Wand des Besprechungsraums. Mr. Hyde ist das, was Mannschaften in der dritten Stunde eines Freitagsprints tatsächlich tun. Dr. Lanyon ist der Ältere, der beides sieht und das Gesehene nicht überlebt. Argyris und Schön (1974), Goffman (1959) und Korejko aus dem Goldenen Kalb.

Kapitel 7: Doktor Jekyll
Worum diese Kapitel geht. Korporative Zweiheit von Stevenson bis Argyris. Dr. Jekyll — das ist das Manifest, die Unternehmenswerte, ausgehängt an den Wänden des Besprechungsraums; Mr. Hyde — das, was die Mannschaften in der dritten Stunde eines Freitagsprints tatsächlich tun, wenn die Deadline abläuft und das Board Zahlen erwartet. Dr. Lanyon — der Ältere, der beide sieht und das Gesehene nicht aushält. Argyris und Schön haben 1974 diesen Riss als Kluft zwischen bekundeter Theorie (espoused theory) und Theorie in der Anwendung (theory-in-use) benannt. Goffman hat ihn 1959 als Unterschied zwischen Vorderbühne und Hinterbühne beschrieben. Und Korejko aus dem Goldenen Kalb hat ihn auf einer sowjetischen Straße ausgespielt, gerade als die amerikanische Akademie erst begann, nach den Begriffen zu suchen.
HOOK: Bournemouth, Skerryvore Villa, Herbst 1885
Bournemouth, Herbst 1885. Stevenson liegt fest im Bett, ans Bett gefesselt durch die nächste Lungenattacke — er ist fünfunddreissig, nach der Schatzinsel berühmt, aber immer noch bei knapper Kasse. Nachts weckt ihn sein eigener Schrei: im Traum nahm ein Mann ein Pulver ein und wurde ein anderer. «Warum hast du mich geweckt? Ich träumte gerade eine feine Gespenstergeschichte»¹, herrscht er Fanny an. Nach der Familienlegende entstand die erste Fassung in drei Tagen — und verbrannte im Kamin: Fanny hatte schriftlich das Urteil gesprochen, ihr Mann habe eine Schauergeschichte geschrieben und die Allegorie verfehlt. Die Korrespondenz spricht nüchterner: die Arbeit dauerte etwa sechs Wochen. Aber das Ergebnis ist dasselbe: Stevenson setzt sich hin und schreibt neu — keine Geschichte über ein Monster, sondern eine Geschichte über einen Menschen, der bewusst zwei Leben führt.
¹ Die Wendung «fine bogey tale» zitiert nach: Balfour, Graham. The Life of Robert Louis Stevenson (1901). Charles Scribner's Sons, New York. Kapitel 15 (nach den Worten Fanny Stevensons). Autorenübersetzung aus dem englischen Original.
Ein Detail wird gewöhnlich übersprungen: Dr. Jekyll ist keine Entlarvung eines Heuchlers. Stevenson schreibt es deutlich: Jekyll möchte aufrichtig ein guter Mensch sein, betreibt Wohltätigkeit, wahrt seinen Ruf, belügt weder sich selbst noch seine Freunde. Den Trank nimmt er nicht aus böser Absicht, sondern als systemische Lösung — die bessere Seite von der schlechteren zu trennen, damit die erste ungehindert der Gesellschaft dienen und die zweite nur dann herausgelassen wird, wenn niemand hinsieht.
Es ist keine Geschichte über einen Doppelagenten. Es ist eine Geschichte über eine doppelte Struktur, die zuerst als steuerbar erscheint und dann aufhört, es zu sein.
Dr. Lanyon betritt das Kabinett
Gehen wir zum neunten Kapitel der Novelle. Stevenson gibt es in Form eines versiegelten Briefes von Dr. Lanyon — einem alten Freund Jekylls, dem zweitangesehensten Arzt in ihrem Kreis. Der Brief ist an den Anwalt Utterson adressiert mit der Bedingung «zu öffnen nach meinem Tod oder Verschwinden». Was macht dieses Kapitel im Roman? Es führt einen Zeugen ein.
Lanyon erhält von Jekyll einen seltsamen Zettel mit der Bitte, spätabends zu Jekylls Haus zu fahren, dort eine besondere Kiste abzuholen und zu sich nach Cavendish Square zu bringen. Um Mitternacht empfängt Lanyon, ohne zu verstehen wozu, einen unbekannten Besucher — und sieht mit eigenen Augen, wie der unscheinbare Ankömmling selbst eine Mischung aus dem Inhalt der Kiste bereitet, sie trinkt — und sich in Henry Jekyll verwandelt. Lanyon ist die einzige Figur im Roman, die die Transformation vollständig beobachtet — und stirbt einige Wochen später. Nicht an Gift. Nicht an einem Schlag. Stevenson schreibt aus dem Mund Lanyons selbst: «Ich fühle, dass meine Tage gezählt sind und dass ich sterben werde — und dennoch werde ich sterben, ohne es geglaubt zu haben»².
² Stevenson, Robert Louis. Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (1886). Longmans, Green & Co, London. Kapitel 9: «Dr Lanyon's Narrative» (Autorenübersetzung aus dem englischen Original, gekürzt). Deutsche Reclam-Ausgaben und andere DE-Übersetzungen (u.a. Grete Rambach, Curt Thesing) stehen teilweise unter Copyright und werden hier nicht verwendet.
Lanyon stirbt nicht am Gesehenen, sondern an der Unmöglichkeit, es zu erzählen. Das Wissen, das er erhalten hat, passt in keinen einzigen seiner professionellen Rahmen. Freunden erzählen — man erklärt ihn für verrückt. Patienten erzählen — er verliert die Praxis. Zeitschriften erzählen — man lacht ihn aus. Niemandem erzählen — er bleibt allein mit einem Geheimnis, das seine Tragfähigkeit übersteigt.
Es ist die beste literarische Beschreibung des korporativen Burnouts, die dem Autor bekannt ist.
Jede grosse Firma hält ihren Stab von Lanyons — ältere Mitarbeiter, die einmal zu oft in einer Sitzung sassen, beide Seiten gesehen haben (was auf dem all-hands gesagt wird und was hinter geschlossener Tür gesagt wird) — und nun nicht wissen, wohin sie dieses Wissen tun sollen. Sie gehen nicht zur Personalabteilung — die spricht die Sprache Jekylls. Sie gehen nicht zu den Kollegen — die haben noch nicht gesehen. Sie schreiben keine anonymen Beiträge auf Glassdoor — das ist beruflicher Selbstmord. Sie behalten das Wissen bei sich, wie Lanyon, und in einem halben Jahr schreiben sie ihre Kündigung mit der Erklärung «persönliche Gründe».
Stevenson fixiert dieses Phänomen fast anderthalb Jahrhunderte, bevor Unternehmenspsychologen den Weggang gewissenhafter Seniorinnen und Seniors als frühes Symptom der Zersetzung zu benennen lernen. Bei den Senioren, deren Standards höher sind als alle anderen, bleibt kein Platz in einem System, in dem unbequemes Wissen keinen Platz hat. Die Hydes bleiben.
Korporative Zweiheit ist nicht die Geschichte eines einzelnen Jekyll. Sie ist ein System aus drei Rollen: derjenige, der die Werte bekundet; derjenige, der tatsächlich handelt; und derjenige, der die Kluft sieht und nicht weiss, wohin damit. Stevenson gibt uns alle drei. Und im Finale der Novelle stirbt nicht nur Jekyll-Hyde. Lanyon stirbt zuerst.
Kultur — das ist nicht das, was an der Wand geschrieben steht
Bevor wir weitergehen — eine Behauptung, die jeden bekümmern wird, der jemals eine Präsentation über Unternehmenswerte vorbereitet hat.
Unternehmenskultur ist nicht das, was die Firma im Manifest bekundet, im Besprechungsraum aushängt und beim Onboarding neuer Mitarbeiter vorliest. Sie ist das, was ihre Mitarbeiter tun, wenn niemand vorliest. Was der Teamleiter tut in der dritten Stunde eines Freitagsprints, wenn die Deadline in vierzig Minuten abläuft, das Board Zahlen erwartet und einer der «bekundeten Werte» — sagen wir psychological safety — auf dem Weg zur Antwort bis fünf Uhr im Weg steht.
Im Jahr 1974 veröffentlichten Chris Argyris und Donald Schön bei Jossey-Bass das Buch Theory in Practice: Increasing Professional Effectiveness, in dem sie eine Unterscheidung einführten, die seither zum kanonischen Rahmen für das Gespräch über Organisationen wurde. Bekundete Theorie (espoused theory) — das, was die Menschen sagen, dass sie tun; Theorie in der Anwendung (theory-in-use) — das, was sie tatsächlich tun. Die Kluft zwischen ihnen ist die Norm, nicht die Pathologie; die Frage ist nur nach ihrer Grösse und nach der Fähigkeit der Organisation, diese Kluft zu erkennen³.
³ Argyris, Chris, und Donald Schön. Theory in Practice: Increasing Professional Effectiveness (1974). Jossey-Bass, San Francisco. Schlüsselbegriffe werden in Kapitel 1 eingeführt; die Unterscheidung espoused / in-use bleibt fünfzig Jahre nach der Publikation kanonisch in der Literatur zum organisationalen Lernen. Die DE-Übersetzungen dieser und späterer Argyris-Werke (u.a. Klett-Cotta Die lernende Organisation 1999, Übersetzung Wolfgang Rhiel) stehen unter Copyright; die begrifflichen Zitate hier sind Autorenübersetzung nach den englischen Originalen.
Die entscheidende Beobachtung von Argyris und Schön besteht nicht darin, dass die Kluft existiert (das weiss jeder, der einmal in einer grösseren Organisation gearbeitet hat). Das Entscheidende ist, dass die Menschen gewöhnlich nicht in der Lage sind, ihre eigene Kluft zu erkennen zwischen dem, was sie sagen, und dem, was sie tun. Fragen Sie einen älteren Manager: «Was schätzen Sie an Ihren Mitarbeitern?» — er wird aufrichtig antworten: «Initiative, offene Diskussion von Problemen, Bereitschaft, Entscheidungen der Führung herauszufordern.» Beobachten Sie denselben Manager drei Wochen lang in der wirklichen Arbeit — und es wird sich zeigen, dass die initiativen Mitarbeiter bei ihm schlecht angeschrieben sind, offene Diskussionen von Problemen in fünf Minuten abgewürgt werden, und die Herausforderung von Entscheidungen den Eintritt in einen «Verbesserungsplan» sichert — auf den Stift der Personalabteilung.
Das Interessanteste — der Manager lügt nicht. Er glaubt wirklich an seine eigene bekundete Theorie. Er sieht die Kluft nicht. Und darin liegt der Kern Stevensons. Jekyll glaubt gleichzeitig, dass er gut ist, und verwandelt sich regelmässig in jemanden, der durch London läuft und Passanten verstümmelt, — und ist nicht fähig, diese beiden Tatsachen in ein widerspruchsfreies Bild seines eigenen Lebens zusammenzufügen. Das ist keine Maske auf dem Gesicht; das sind zwei Gesichter, die sich in einem Spiegel nicht begegnen.
Vorderfassade und Keller: Hoffmann liest Stevenson
Argyris und Schön haben die Kluft für ein einzelnes Individuum beschrieben. Aber in einer Firma arbeiten keine einzelnen Individuen, sondern Gruppen, und hier entsteht die zweite Achse des Problems. Wie kann dasselbe Verhalten gleichzeitig eine Deklaration und ihre Verneinung sein? Wie kann Jekyll gleichzeitig Hyde sein und nicht sein?
Die Antwort gab 1959 der amerikanische Soziologe Erving Goffman in dem Buch The Presentation of Self in Everyday Life⁴. Goffman schlug eine theatralische Metapher vor: jede soziale Interaktion findet auf der Vorderbühne (front stage) statt, wo die Beteiligten darauf achten, wie sie vom Publikum gesehen werden, und auf der Hinterbühne (back stage), wo die Maske abgenommen, die Kostüme aufgeknöpft werden, die Schauspieler rauchen und die Zuschauer besprechen. Diese beiden Bühnen konkurrieren nicht — sie stützen einander gegenseitig: was auf der Vorderbühne nicht besprochen werden darf, wird auf der Hinterbühne besprochen; was auf der Hinterbühne nicht erlaubt werden darf, erscheint nicht auf der Vorderbühne.
⁴ Goffman, Erving. The Presentation of Self in Everyday Life (1959). Anchor Books, Garden City. Die Metapher front stage / back stage wird im Kapitel «Performances» eingeführt; das Modell bleibt grundlegend in der Organisationssoziologie. Die deutsche Standardausgabe Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag (Piper 1969, Übersetzung Peter Weber-Schäfer) steht unter Copyright; die begrifflichen Zitate hier sind Autorenübersetzung nach dem englischen Original, wobei die etablierten DE-Termini «Vorderbühne / Hinterbühne» aus der Suhrkamp-Rezeption übernommen werden.
Eine Firma ist eine Einrichtung mit zwei Bühnen by design. Auf der Vorderbühne — all-hands meetings, die Firmenwebsite, das Memo des CEO, die Werte an der Wand des Besprechungsraums, der Jahresbericht an die Aktionäre, die Seite «über uns», die Nachricht bei TechCrunch. Auf der Hinterbühne — der Slack-Kanal #vent (wenn es einen gibt, und wenn nicht — die persönliche Korrespondenz), die Raucherecke (oder ihr remote-Äquivalent), das Gespräch auf dem Parkplatz nach allen Meetings, der Chat zweier Senior über den neuen CTO, der Satz «unter uns gesagt».
Jekyll — das ist eine Performance auf der Vorderbühne. Hyde — das ist dieselbe Organisation im back stage-Modus. Und wie Stevenson und Goffman beide betonen: das sind nicht zwei verschiedene Wesen. Das ist ein Wesen in zwei Modi. Jeder von ihnen stützt den anderen.
Edgar Schein fügt in Organizational Culture and Leadership (1985) diesem Bild eine vertikale Dimension hinzu⁵. Jede Organisationskultur existiert auf drei Ebenen. An der Oberfläche — Artefakte: Slogans, Kleiderordnung, Logo, Besprechungsräume. Tiefer — bekundete Werte: was die Firma über sich sagt, woran sie als Organisation glaubt. Noch tiefer — Grundannahmen: das, was Mitglieder der Organisation für so selbstverständlich halten, dass sie es nicht laut aussprechen. Und die letzte Ebene ist die einflussreichste. Genau die Grundannahmen bestimmen, wer tatsächlich befördert wird, wessen Kritik tatsächlich gehört wird, welche Projekte tatsächlich Ressourcen bekommen. Die Vorderbühne lebt auf der Ebene der Artefakte und Werte. Die Hinterbühne — auf der Ebene der Grundannahmen.
⁵ Schein, Edgar H. Organizational Culture and Leadership (1985). Jossey-Bass, San Francisco. Das dreistufige Kulturmodell Artefakte / bekundete Werte / Grundannahmen bleibt durch alle Neuauflagen des Buches erhalten, einschliesslich der 5. Auflage (2016). Deutsche Ausgabe Organisationskultur und Führung im EHP Verlag.
Jetzt wird Stevenson zu einem diagnostischen Instrument. Wenn Jekyll sein Tagebuch schreibt, arbeitet er auf der Ebene der Werte: «Ich habe ein grosses Experiment durchgeführt, um die gute Seite von mir zu befreien.» Wenn Hyde auf der Strasse ein Kind niedertrampelt, arbeitet er auf der Ebene der Grundannahmen: «In dieser Welt kann man handeln ohne Folgen, wenn man schnell handelt.» Die Vorderbühne Jekylls und die Hinterbühne Hydes — das ist derselbe Mensch, aber gleichzeitig auf zwei Ebenen der Kultur nach Schein.
Deshalb geben die Versuche, die Unternehmenskultur durch das Umschreiben des Manifests zu verändern, nichts. Das Manifest lebt auf der oberen Ebene Scheins. Die wirkliche Kultur — auf der unteren. Das Manifest umzuschreiben heisst, Jekyll eine plastische Operation zu machen. Hyde im Inneren wird sich nicht ändern.
Drei Archetypen der korporativen Zweiheit
Vereinen wir Stevenson, Argyris mit Schön, Goffman und Schein in einem Arbeitsschema. In jeder grossen Organisation existieren drei archetypische Rollen.
Jekyll — Träger der espoused theory. Das ist in der Regel die obere Schicht des Managements: CEO, CHRO, Direktoren für Kommunikation. Sie glauben aufrichtig an die bekundeten Werte — die meisten von ihnen sind keine Zyniker, sondern gewissenhafte Vollstrecker der front-stage-Funktion. Ihre Arbeit ist es, die Kohärenz dessen aufrechtzuerhalten, was die Firma über sich sagt. Ihre Instrumente — die Unternehmenskommunikation, mission statements, Glassdoor-responses, Jahresberichte.
Hyde — Träger der theory-in-use. Das ist in der Regel die mittlere und untere Schicht der Ausführenden: der Teamleiter, der den Sprint abschliessen muss; der HR Business Partner, der drei Menschen bis Ende des Quartals entlassen soll; der Product Manager, dessen OKR die Auslieferung einer Funktion verlangt, die den UX-Test nicht bestanden hat. Hyde weiss, dass er Hyde ist. Er hegt keine Illusionen bezüglich der Kluft zwischen dem manifesto und dem, was von ihm täglich verlangt wird. Hyde ist zynisch funktional: er tut, was getan werden muss, damit die Zahlen im Dashboard grün bleiben.
Lanyon — Zeuge des Bruchs. Das ist in der Regel ein erfahrener Senior: der leitende Ingenieur, der sieben Jahre in der Firma gearbeitet hat; die Senior-Analystin mit dem Gedächtnis von drei Reorganisationen; die Leiterin einer Geschäftslinie, die zwei CEOs überlebt hat. Lanyon sieht beide Bühnen gleichzeitig — er hört, was auf dem all-hands gesagt wird, und sieht, was im sprint-planning gemacht wird. Die Kluft ist für ihn nicht unsichtbar wie für Jekyll und nicht normalisiert wie für Hyde. Sie bleibt eine offene Wunde.
Und hier wiederholt sich das Muster der Novelle. Die offene Wunde heilt früher als der Rest des Körpers.
Vier Stadien der Kulturdivergenz
Argyris entwickelte in Arbeiten der späten 1970er- und 1980er-Jahre das Konzept des double-loop learning⁶ — der Fähigkeit einer Organisation, nicht nur Handlungen im Rahmen bestehender Voraussetzungen zu korrigieren (single-loop), sondern die Voraussetzungen selbst zu überprüfen. Und beschrieb vier Stadien, wie eine Organisation diese Fähigkeit verliert.
⁶ Das Konzept des double-loop learning wurde erstmals formalisiert in Argyris, Chris, und Donald Schön. Organizational Learning: A Theory of Action Perspective (1978). Addison-Wesley, Reading, MA; entwickelt in Argyris, Reasoning, Learning, and Action: Individual and Organizational (1982). Jossey-Bass, San Francisco, und Argyris, Overcoming Organizational Defenses (1990). Allyn & Bacon, Boston. Der englische Fachterminus single-loop / double-loop learning wird in der deutschen Fachliteratur meist beibehalten und bei erster Verwendung glossiert als «einschleifiges» bzw. «doppelschleifiges Lernen».
Erstes Stadium: Erfolg auf single-loop
Die Firma führt einen neuen Wert ein — sagen wir open feedback culture. Sie führt Onboarding durch, druckt Plakate, organisiert Trainings. Sie misst das Ergebnis durch eine employee engagement survey: die Teilnahme an Feedback-Mechanismen ist gestiegen. Single-loop learning funktioniert: das Ziel ist gesetzt, die Handlung ist angenommen, das Ergebnis ist gemessen, die Schleife ist geschlossen.
Das ist die erste Transformation Jekylls. Der Trank ist genommen, der Effekt erreicht, das Tagebuch hat den Erfolg festgehalten. Niemand stellt die Frage: «Was haben wir auf der nächsten Ebene aus dem Blick verloren?»
Zweites Stadium: Abwehrroutinen
Nach einem Jahr beginnen die Angestellten, ein Muster zu bemerken. Diejenigen, die im letzten Zyklus tatsächlich negative feedback gegeben haben, haben in diesem im performance review eine Kategorie tiefer bekommen. Diejenigen, die in der 360°-Umfrage schwache Seiten der Führung genannt haben, haben keine Beförderung bekommen. Diejenigen, die auf der retrospective ein strukturelles Problem angesprochen haben, haben es im nächsten Quartal in ihrem eigenen Verantwortungsbereich wiedergefunden.
Niemand formuliert das laut. Aber das Verhalten ändert sich. Argyris nannte solche Verhaltensweisen Abwehrroutinen⁷ — unsichtbaren Regeln, die das System davor schützen, dass jemand ihm eine unbequeme Frage stellt. Auf der Ebene der Artefakte ist alles in Ordnung: das opt-in in Feedback-Mechanismen ist nach wie vor hoch, der NPS ist sogar gestiegen. Auf der Ebene der Grundannahmen ist Offenheit bereits unmöglich.
⁷ Argyris, Chris. Strategy, Change, and Defensive Routines (1985). Pitman, Boston. Abwehrroutinen sind definiert als «policies, practices, and actions that prevent embarrassment or threat, but at the same time prevent learning» (Autorenübersetzung: «Richtlinien, Praktiken und Handlungen, die Verlegenheit oder Bedrohung verhindern, aber gleichzeitig das Lernen verhindern»).
Das ist die zweite Transformation Jekylls. Hyde erscheint nicht mehr auf das Signal des Trankes. Er wird unter Kontrolle gehalten — aber Jekyll weiss schon, dass Hyde da ist, und wendet immer mehr Energie darauf, dass Hyde nicht auf die Vorderbühne heraustritt.
Drittes Stadium: unbesprechbare Themen
Nach zwei Jahren erscheinen in der Firma Themen, die formal nicht verboten sind, aber von niemandem besprochen werden. Sagen wir, die Divergenz zwischen der bekundeten work-life balance und der tatsächlichen Erwartung einer Antwort auf Nachrichten am Wochenende. Oder zwischen der bekundeten meritocracy und dem Umstand, dass Beförderungen entlang der Linie «Freundschaft mit den richtigen Leuten» gehen. Diese Themen werden zu undiscussables — und mehr noch, die Besprechung der Unbesprechbarkeit wird auch unbesprechbar⁸.
⁸ Argyris, Chris. Overcoming Organizational Defenses (1990). Allyn & Bacon, Boston, Kapitel 2-3. Das Phänomen der «undiscussability of undiscussables» — die Schlüssel-Operations-Charakteristik der Abwehr-Organisation.
Das ist das dritte Stadium der Transformation. Hyde beginnt, ohne Trank zu erscheinen. Nicht in dem Sinne, dass der Manager zufällig auf einen Untergebenen losgeht — das ist zu offensichtlich. In dem Sinne, dass der Manager aufhört zu bemerken, wenn er vom Modus der Fassade in den Modus der Arbeit wechselt. Sie werden zum selben Bewusstsein.
Hier stirbt Lanyon. Konkrete Menschen gehen aus der Firma. Nicht die jüngsten und nicht die ältesten — sondern genau die Seniorinnen und Seniors mit den höchsten Standards, denen es unerträglich ist, sich in einem System zu befinden, wo die Hauptregel lautet: «die Hauptregel nicht benennen». Die Personalabteilung fixiert den Weggang in der Kategorie «Karriere-Gründe». Lanyon behält, wie bei Stevenson, das Wissen bis zuletzt bei sich und hinterlässt keine Erklärungen.
Viertes Stadium: das Lernen zu lernen ist zerbrochen
Im finalen Stadium verliert die Organisation die Fähigkeit zum deutero-learning⁹ — dem Lernen zu lernen. Das bedeutet nicht, dass sie aufgehört hat zu lernen. Das bedeutet, dass sie nicht mehr fähig ist zu besprechen, wie sie lernt. Jeder Versuch einer retrospective wird zum Ritual; jede culture survey — zum Instrument der Score-Optimierung, nicht der Diagnostik; jeder Beratungsbericht über ein culture problem trifft auf die Reaktion «danke für die Empfehlungen, wir wissen das alles schon» — worauf nichts sich ändert.
⁹ Der Begriff deutero-learning wurde 1942 von Bateson eingeführt (Aufsatz «Social Planning and the Concept of Deutero-Learning», Conference on Science, Philosophy and Religion, Second Symposium; nachgedruckt in Steps to an Ecology of Mind, 1972, S. 159-176) und von Argyris für den organisationalen Kontext adaptiert — siehe Argyris und Schön, Organizational Learning II (1996). Addison-Wesley, Reading. Deutsche Standard-Ausgabe von Bateson: Ökologie des Geistes, Suhrkamp 1981, Übersetzung Hans Günter Holl — Copyright; begriffliche Zitate hier sind Autorenübersetzung aus dem englischen Original.
Das ist das Finale Jekylls. Im Kabinett des Labors, von innen verschlossen, hört er draussen die Stimmen der Freunde, die an die Tür schlagen. Er kann nicht hinausgehen. Nicht weil er es nicht will — weil es keine Version von ihm mehr gibt, die zu ihnen hinausgehen kann. Der finale Anfall Hydes läuft bereits, und Jekyll schreibt die letzten Zeilen des Tagebuchs wie die Zeilen eines Fremden. Lanyon ist tot. Utterson steht vor der Tür und weiss nicht, was er sehen wird, wenn die Tür aus den Angeln gerissen wird.
In der Firma sieht dieses Stadium aus wie ein Betrieb, in dem Berater kommen und gehen, neue CEOs kommen und gehen, das manifesto alle drei Jahre umgeschrieben wird — und dabei die operative Kultur die alte bleibt. Vielleicht etwas härter. Manchmal veröffentlichen Branchenberichte Material über die cultural transformation dieses Betriebs — und vier Jahre später veröffentlicht dieselbe Publikation Material über sein Scheitern.
INTERLUDE: Jekylls Tagebuch als Corporate Mission Statement
Das zehnte Kapitel der Novelle — «Henry Jekyll's Full Statement of the Case» — ist ein Dokument, das Jekyll selbst rückblickend als Erklärung des Geschehenen geschrieben hat. Das Dokument ist tadellos in der Form. Jede Wendung ist gewogen, jede Transformation ist festgehalten, jede ethische Entscheidung ist begründet.
Und dabei erklärt es nichts.
Jekylls Tagebuch misst die Häufigkeit der Transformationen, die Dosierungen, die Nebenwirkungen. Es misst nicht das, was Argyris das einzig Wichtige nennen würde — die Fähigkeit des Subjekts, seine eigenen Abwehrroutinen zu besprechen. Jeder Satz des Tagebuchs umgeht die Frage «warum habe ich angefangen?» durch die Erklärung «wie habe ich angefangen».
Corporate Mission Statements besitzen dieselbe Eigenschaft. Sie beschreiben, was die Firma tut, ohne zu erklären, warum sie es so tut und nicht anders. Sie erklären die Werte, ohne zu zeigen, welche Praktiken diesen Werten widersprechen. Sie nehmen als Nullpunkt das an, was das Ergebnis vieler Jahre von Abwehrroutinen ist.
Jekylls Tagebuch ist das ehrlichste Dokument der ganzen Novelle, und genau deswegen ist es das undiagnostischste. Ein Dokument, das die Vorderbühne schreibt, kann die Hinterbühne nicht diagnostizieren. Stevenson wusste das im Jahr 1886.
ANALYSIS: drei Dimensionen des korporativen Hyde
Geschwindigkeit ersetzt das Urteil
In der Szene der Ermordung von Sir Danvers Carew¹⁰ schlägt Hyde einen Passanten mit dem Stock mit solcher Energie, dass der Stock zerbricht und das Opfer stirbt, ohne verstanden zu haben, wofür. Alles geschieht in einem Augenblick. Hyde hat nicht überlegt. Nicht gezögert. Einfach zugeschlagen.
¹⁰ Stevenson, Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (1886), Kapitel 4: «The Carew Murder Case».
In einer Firma sieht diese Geschwindigkeit so aus. Der Zyklus des performance review ist gelaufen, die ratings müssen bis Ende der Woche verteilt werden. Ein Senior-Ingenieur, der zwei komplexe Projekte gezogen hat, hat es nicht geschafft, den self-review richtig auszufüllen. Der Manager schafft es nicht, mit ihm zu sprechen — er passt nicht in den Kalender. Der Senior bekommt «meets expectations». Zwei Wochen später schreibt der Senior einen Lebenslauf. Niemand ist Bösewicht. Niemand hat überlegt. Einfach mit dem Stock zugeschlagen, und der Stock zerbrach.
Hyde ist effizient genau deswegen, weil er keine Zeit auf die Nuance verwendet. Die operative Kultur einer Firma ist effizient genau deswegen, weil sie keine Zeit auf Senior verwendet, die nicht in die Schablone passen. Die espoused theory der Firma sagt: «wir schätzen die Menschen». Die theory-in-use sagt: «wir schätzen personalbezogene Prozesse, die pünktlich ausgeführt werden».
Das Ritual ersetzt die Arbeit
Ein Ritual ist ein Verhalten, das wie Arbeit aussieht, aber nicht zum Arbeitsergebnis führt. Schein bemerkte, dass Rituale das sichtbarste und deshalb das geschützteste Artefakt der Kultur sind. Sie sind leicht aufrechtzuerhalten (dafür genügt der Kalender) und unmöglich zu entfernen (dafür ist es nötig zu erklären, warum dieses Ritual nicht funktioniert, und das erfordert eine Diskussion der Grundannahmen).
Ein stand-up um 9:30 Uhr für siebenundvierzig Menschen, in dem niemand echte Fragen stellt — das ist ein Ritual. Ein quarterly business review, in dem die Präsentationen eine Woche lang vorbereitet werden und die Entscheidungen auf drei Slides am Ende getroffen werden — das ist ein Ritual. Eine retrospective, in der ständig dieselben vier action items festgehalten werden, von denen keines geschlossen wird — das ist ein Ritual.
Das Paradox des Rituals ist, dass es gleichzeitig die espoused theory stützt («wir kommen regelmässig zusammen, um den Fortschritt zu besprechen») und die theory-in-use, die eine echte Diskussion verlangt, unmöglich macht. Hyde nutzt das Ritual als Alibi. Ich war beim stand-up. Ich habe die retrospective nicht verpasst. Ich habe im QBR berichtet. Dass in diesem Zeitplan kein Raum für das Gespräch über das echte Problem blieb — ist eine strukturelle Tatsache und nicht meine Schuld.
Die Rolle ersetzt den Menschen
Im Finale der Novelle macht Stevenson eine Beobachtung, die die Organisationsliteratur in den folgenden anderthalb Jahrhunderten wiederholen wird. Aus Jekylls Tagebuch lesen wir heraus: gegen Ende hörte er auf, er selbst zu sein, und wurde zu dem, was seine Stellung von ihm verlangte zu sein. Nicht Hyde. Nicht Jekyll. Die Stellung.
Das ist das endgültige Stadium der korporativen Zweiheit. Nicht der Bruch zwischen dem Menschen und seiner Maske, nicht die Kluft zwischen Werten und Handlungen, sondern das Verschwinden des Menschen selbst unter der Rolle. Wenn der CEO sagt «as your CEO, I have to…», wenn die Personalabteilung sagt «I'm just doing my job», wenn der Manager sagt «that's the policy» — Stevenson würde diese Formulierung erkennen. So spricht ein Mensch, der von der ersten Person in die dritte übergegangen ist, vom Subjekt zur Funktion.
Korejko: der russische Jekyll-Hyde
Ilja Ilf und Jewgeni Petrow haben im Roman Das goldene Kalb (Zeitschrift 30 dney, 1931) ein sowjetisches Bild des Dr. Jekyll gegeben, das an manchen Stellen stärker ist als das Stevenson'sche — weil es ohne Trank und ohne Labor auskommt¹¹.
¹¹ Ilf, Ilja, und Petrow, Jewgeni. Das goldene Kalb (1931, Zeitschriftenausgabe in 30 dney; erste Buchausgabe — 1933). Kapitel 4-8 beschreiben das Doppelleben Korejkos in der Behörde «Herkules». Autorenübersetzung nach dem russischen Original. Deutsche Übersetzungen des Romans (u.a. Thomas Reschke, Volk & Welt Berlin 1968) stehen unter Copyright und werden hier nicht verwendet.
Alexander Iwanowitsch Korejko — bescheidener Angestellter der Behörde «Herkules», bekommt 46 Rubel im Monat, isst zu Hause bei einem bekannten Rätsel-Konstrukteur. Das ist seine Vorderbühne — ein Jekyll sowjetischer Ausprägung. Auf der Hinterbühne ist er ein Untergrund-Millionär mit zehn Millionen Rubel, verdient an einem halben Dutzend Schemata — ein Hyde derselben Epoche. Was Korejko für unser Thema besonders interessant macht, ist, dass beide seiner Leben tadellos ausgeführt sind. Die Buchhaltung in der Behörde wird ohne einen einzigen Fehler geführt. Die Untergrund-Schemata sind mit ingenieurhafter Präzision organisiert. Die Kluft zwischen Jekyll-Korejko und Hyde-Korejko wird sorgfältiger aufrechterhalten als bei Stevenson — weil Korejko kein Labor hat. Er hält die Kluft im selben Körper, in derselben Wohnung, in derselben Biografie, und das Einzige, was die Trennung möglich macht, ist eine absolute Disziplin: sie niemals ineinander vermischen lassen.
Der Roman ist die Geschichte davon, wie Ostap Bender diese Kluft aufzubrechen versucht. Bender ist weder Bösewicht noch Moralist — er spielt die Rolle eines externen Beraters, der beide Bühnen sieht und ihnen instrumentell begegnet. Korejko widersetzt sich nicht dem, dass Bender Geld verlangt, sondern dem, dass Bender verlangt zu anerkennen, dass beide Leben ein Leben sind.
Das Finale bei Ilf und Petrow ist böser als bei Stevenson. Bender erhält die Million — und entdeckt, dass es in diesem Land nichts gibt, wofür man sie ausgeben könnte; im selben Winter kauft er Devisen und Gold, und an der rumänischen Grenze plündern ihn die Grenzsoldaten bis aufs Hemd. Und Korejko? Korejko verbrennt die Akten, macht sich davon und löst sich in der Provinz auf — mit neun Millionen und beiden Leben bei sich. Stevenson hat seinen Doppelmenschen getötet. Ilf und Petrow haben ihren — freigelassen, und das ist möglicherweise die genaueste Diagnose: ein disziplinierter Hyde überlebt jeden Jekyll.
Für die korporative Diagnostik ist Korejko wichtig, weil er zeigt: der Dualismus kann jahrelang stabil funktionieren, wenn das Subjekt genug Disziplin besitzt, die Kluft aufrechtzuerhalten. Die meisten organisationalen Jekylls des Jahres 2026 sind genau so eingerichtet. Nicht weil sie am Rande des Kollapses stehen. Sondern weil sie eine Korejko-Level-Disziplin bei der Trennung von front- und back-Bühnen besitzen. Das funktioniert — bis jemand von aussen kommt und verlangt, beide Leben in eines zusammenzuführen.
REVERSAL: Zynismus als Schutzmechanismus
In der korporativen Literatur ist es üblich, den zynischen Mitarbeiter als Problem zu diskutieren — einen Menschen, der «nicht an die Werte der Firma glaubt», den Teamgeist unterminiert, ein upskilling oder eine Entfernung verlangt. Argyris hat eine andere Interpretation vorgeschlagen¹².
¹² Argyris, Chris. Overcoming Organizational Defenses (1990), Kapitel 4. Die Formulierung ist vom Autor für den kultur-diagnostischen Kontext nach den Materialien des Buches adaptiert.
Ein Zyniker ist ein Mitarbeiter, der die Kluft sieht und kein Instrument hat, sie zu besprechen. Wenn die Kluft auf der retrospective benannt und rational besprochen werden könnte, würde der Zyniker als Erster an dieser Diskussion teilnehmen. Da man sie nicht besprechen kann (undiscussable), entwickelt der Zyniker das einzig verfügbare Verhalten — einen unausgesprochenen, manchmal humoristischen, manchmal beissenden Protest in den Kulissen. Zynismus ist das Gespräch über undiscussables auf der Hinterbühne.
Daraus folgt die Schlussfolgerung, die jeder Führungskraft schwer anzunehmen ist. Ein hoher Level von Zynismus in der Mannschaft ist keine Diagnose der Mitarbeiter, sondern eine Diagnose der Führungskraft. Mitarbeiter, die flüstern, dass auf dem Stand eines gesagt wird und im Sprint-Planning ein anderes, — das sind keine schlechten Mitarbeiter. Das sind gesunde Mitarbeiter, die die Kluft erkannt haben und keinen Rahmen haben, das Gespräch auf die Vorderbühne zu bringen.
Ron Westrum hat in seiner Typologie von 2004 drei Typen organisationaler Kultur benannt danach, wie sie schlechte Nachrichten verarbeiten¹³. Die pathologische Kultur bestraft den Überbringer der schlechten Nachricht. Die bürokratische — ignoriert sie oder verarbeitet sie im Rahmen des Prozesses. Die generative — dankt und passt sich an. Der Zynismus der Angestellten ist eine schlechte Nachricht über die Existenz der Kluft. Wenn in der Mannschaft viel Zynismus ist, befindet sich die Kultur in einem der ersten beiden Stadien nach Westrum.
¹³ Westrum, Ron. «A Typology of Organisational Cultures.» Quality and Safety in Health Care, Bd. 13, Suppl. 2, Dezember 2004, S. ii22-ii27. Die Typologie generative / bureaucratic / pathological wurde zum Operations-Rahmen für die gesamte nachfolgende Arbeit zum organisationalen Lernen, einschliesslich der Adaption bei Forsgren und Mitautoren in Accelerate (2018).
Und hier entsteht ein seltsames, aber empirisch stabiles Phänomen. Mannschaften mit dem höchsten Anteil an Zynikern erweisen sich oft als Mannschaften mit dem niedrigsten Level offen zerstörerischen Verhaltens. Zynismus ist der Schutz, der die Kluft davor bewahrt, zur Toxizität zu werden. Zuerst verschwindet der Zyniker (geht in eine Mannschaft mit besserer Kommunikation). Dann verschwindet Lanyon (verlässt die Branche oder die Rolle). Und dann kommt die Toxizität, weil den Bruch niemand mehr kommentiert.
CASE: ein Morgen — wenn Hyde ohne den Trank kommt
Stevenson beschreibt den Schlüssel-Wendepunkt der Novelle in einem Absatz. Jekyll schläft als er selbst ein und wacht mit den Händen Hydes auf. Er sieht auf seine Finger — und sieht fremde. Klein, behaart, raubtierhaft. Die Transformation geschah im Schlaf, ohne Trank, ohne Absicht, ohne Kontrolle.
In Organisationen tritt der «Morgen Jekylls» unbemerkt ein. Eines Tages entdeckt der Manager, dass er selbst das tut, was die Firma öffentlich verurteilt. Nicht einmalig — systemisch. Nicht aus Wut — by default. Und das ist keine Verletzung seiner Werte. Das ist einfach das, was in seiner Rolle anders nicht möglich ist.
Sammeln wir diesen Moment in einem Monolog — einem kollektiven, aber jedes seiner Elemente wird der Leser wiedererkennen:
Ich habe drei Jahre lang auf dem Stand gesagt, dass wir eine open feedback culture haben, und selbst daran geglaubt. Vergangenen Herbst sagte einer der Neuen im 1:1, dass er mit meinem architektonischen Gitter für das Projekt nicht einverstanden ist. Ich hörte ihm zwanzig Minuten zu, nickte, dankte. In einer Woche versetzte ich ihn auf ein anderes Projekt — kein verwandtes, kein disziplinarisches, formal aus geschäftlichen Gründen. In einem halben Jahr kündigte er. Beim nächsten Stand sagte ich wieder, dass wir eine open feedback culture haben, und glaubte wieder daran. Und in irgendeinem Moment am Samstag verstand ich: ich tue nicht das, was ich sage. Nicht jetzt, sondern schon seit vielen Jahren. Die ganze Zeit. Und niemand hat es bemerkt, weil mein Verhalten — so ist es bei uns üblich — das ist alles.
Das ist der Morgen Jekylls. Keine Katastrophe, kein Skandal, kein Rücktritt. Ein stiller Morgen, an dem du auf deine Arbeitsgewohnheiten siehst und fremde siehst. Gewohnheiten, die du nicht gewählt hast. Entscheidungen, die du nicht getroffen hast — genauer, die du jeden Tag getroffen hast, ohne zu bemerken, dass du sie triffst.
INSIGHT: der Bruch ist keine Lüge, der Bruch ist die Diagnose
Anders als das düstere Finale Stevensons endet die korporative Version nicht notwendigerweise mit dem organisationalen Tod. Argyris und Schön formulieren im selben Buch von 1974 die einzig mögliche Medizin, double-loop learning — die Fähigkeit, nicht nur Handlungen zu korrigieren, sondern die Voraussetzungen zu überprüfen, auf denen diese Handlungen aufgebaut sind.
Das bedeutet, eine einfache Sache anzuerkennen. Der korporative Dualismus ist keine Lüge. Das ist keine Geschichte über böse Menschen, die lügen, und gute, die nicht lügen. Das ist eine Geschichte über eine Struktur, die durch ihre Konstruktion die Kluft zwischen Deklaration und Handlung produziert, und keine Ehrlichkeitsstufe (honesty) kann diese Kluft schliessen, wenn man nicht lernt, sie zu besprechen.
Die doppelte Schleife beginnt damit, dass sich jemand auf einer Sitzung entscheidet zu sagen: «Das, was wir jetzt besprechen, widerspricht dem, was wir öffentlich sagen.» Das ist der schwierigste Satz, den man in einer grossen Organisation aussprechen kann, — weil er den Sprecher automatisch in die Position Lanyons stellt. Er weiss jetzt. Das Wissen liegt auf ihm, und er hat es herausgelassen.
Aber die Alternative — ist das Stevenson'sche Finale. Lanyon stirbt, Jekyll verschliesst sich, Utterson steht vor der Tür und liest die verbliebenen Papiere, wenn es schon zu spät ist. Das korporative Analog ist bekannt. Der CEO geht «to spend more time with family», der neue CEO stellt neue Berater ein, das manifesto wird noch einmal umgeschrieben, und in drei Jahren veröffentlicht derselbe Branchenbeobachter den nächsten Bericht.
Deshalb — drei Punkte für jene, die diese Kapitel als Leitfaden lesen, nicht als literaturwissenschaftliche Übung. Erstens: lernt, die Kluft zu benennen. Nicht zu reparieren, sondern zu benennen. Jeder Versuch zu reparieren, ohne benannt zu haben, — ist ein Umschreiben des Manifests, davon hat Stevenson schon geschrieben. Zweitens: tötet die Lanyons nicht. Wenn in der Mannschaft ein Senior mit hohen Standards geht, hat eure Kultur gerade ihr wichtigstes diagnostisches Instrument verloren. Fragt ihn, was er gesehen hat. Drittens: Zynismus ist keine Pathologie; Zynismus ist ein Symptom. Bestraft das Symptom nicht. Fragt, was es mitzuteilen versucht.
Von der verborgenen Zweiheit zur offenen Sicht
Stevenson hat Jekyll in seinem eigenen Labor eingeschlossen zurückgelassen. Er hatte keinen Weg hinaus — weil hinaus zu gehen bedeutete anzuerkennen, dass Hyde drinnen ist, und diese anerkannte Tatsache durch die Vorderbühne zu führen. Eine Firma im Stadium tiefen Dualismus befindet sich im exakt gleichen Labor. Die Tür ist von innen verschlossen, und von aussen kann niemand sie ohne Gewalt aufreissen.
Das nächste Kapitel handelt von einer Figur, die den entgegengesetzten Weg gewählt hat. Nicht Hyde zu verstecken, sondern im Gegenteil, zum Vorschein zu bringen — die Welt so zu sehen, wie sie nicht ist, und nach diesem Sehen zu handeln, ohne Rücksicht darauf, dass die Umstehenden anders sehen. Don Quijote schliesst sich nicht im Labor ein. Er setzt eine Rasierschüssel als Helm auf und reitet auf Rosinante durch die Ebene von La Mancha, und der Einzige, der die Welt genauso sieht wie er, ist Sancho Panza, und selbst der nicht immer.
Von der verschlossenen Zweiheit Stevensons zur offenen Sicht Cervantes'. Von Hyde, der sich versteckt, zu Riesen, die es nicht gibt. Beide Antworten — sind eine Flucht vor dem strukturellen Sehen der Wirklichkeit. Aber die eine versteckt sich im Keller, und die andere reitet auf den Hügel hinaus.
«Der Mensch ist in Wirklichkeit nicht einer, sondern wahrhaft doppelt. Ich sage 'doppelt', denn mein eigenes Wissen geht nicht über diesen Punkt hinaus; andere werden folgen — und mich übertreffen» — Robert Louis Stevenson, «Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde» (1886)¹⁴
¹⁴ Stevenson, Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (1886), Kapitel 10: «Henry Jekyll's Full Statement of the Case» (Autorenübersetzung nach dem englischen Original, gekürzte Redaktion).